Sag was G’scheits!

Aktualisiert: 16. Dez 2019


So schreibt man gute Dialoge, Teil 1.

Reden ist Silber, Dialoge schreiben ist Gold.

Die meisten Leute tun sich schwer, Gesagtes zu Papier zu bringen. Es klingt oft hölzern, künstlich. Als ob jemand so tut, als würde er reden. Aber im Ohr hört man es nicht. Der Dialog wirkt nicht richtig. Man merkt: Der Text ist erdacht, nicht echt.


»Hallo, so ein Zufall, dass du gerade bei der Tür hereinkommst, Anita.«

»Hallo, wie schön, dich hier anzutreffen, Gabi.«

»Wollen wir nun über dein Buch reden, Anita?«

»Das wäre gut, Gabi.« Ich blicke zuversichtlich voraus und beginne zu erzählen.


Das ist Schrott. Menschen reden so nicht. Der Dialog transportiert keinen Inhalt und hat keinen Zug. Die Autorin will durch die wiederholte Namensnennung im Gesprochenen zeigen, welche Figur gerade redet, daher hängt sie immer den Namen der Angesprochenen an. Das nervt ungemein.


Vielleicht klingt das auf die Art besser:


»Hey!«, sagte Gabi. Sie sah auf die Wanduhr und war erstaunt. Anita wollte um drei Uhr kommen, es war erst zwei. »Hab noch nicht mit dir gerechnet.«

»Genau auf das arbeite ich hin, auf das Unberechenbare.« Anita hob die rechte Augenbraue, um den Nebensatz zu unterstreichen. Sie ließ sich in den Fauteuil fallen. »Setz dich her, ich muss dir was sagen.«

Gabi nahm auf der beigen Couch Platz. »Bist du wieder Single, hm?«

»Viel besser«, sagte Anita. »Ich spiele mich jetzt mit Buchstaben. Ich werde Schriftstellerin.«

»Du? Du schreibst? Was denn?« Gabi kicherte. »Fifty Shades of Anita? Na, grüß Gott. Kann mir schon vorstellen, was da abgeht. Wer da seine Leser fesselt.«

»Ganz im Gegenteil, Frau Wichtig.« Anita machte eine beschwichtigende Geste, schüttelte den Kopf. »Ich schreibe ein Buch. Eine Liebesgeschichte. Ein Buch über dich.«


Da tut sich mehr in der Szene. Sie bereitet vor, auf das was kommt. Dialoge dienen ausschließlich dem Zweck, die Handlung voranzutreiben. Sie dürfen nicht plappernd daherkommen und nie gestelzt. Der Leser sollte mitten im Geschehen sein und Mäuschen spielen, mitlauschen dürfen.


Was man in Dialogen auf keinen Fall machen sollte:

  • »Das ist toll«, lachte sie. Einen Satz kann man nicht lachen, man kann ihn nur sagen und dann lachen. Besser: »Das ist toll«, sagte sie und bekam einen Lachkrampf.

  • »Das ist schön«, freute sie sich. Einen Satz kann man nicht freuen, man kann ihn nur sagen und sich dann freuen. Besser: »Das ist schön«, sagte sie, und ihre Augen leuchteten.


Ein paar Tipps:

  • Grundsätzlich bist du mit dem Zeitwort sagt nach der direkten Rede immer gut bedient.

  • Du musst nicht bei jedem Satz sagt verwenden, wenn klar ist, wer gerade spricht.

  • Am besten, du lässt deine Charaktere etwas tun, während sie sprechen. Das macht die Szene plastischer, und dein Buch wird vom Hörspiel zum Film.

  • Am allerbesten, du kombinierst das sagt nie (oder nur sehr selten) mit einem Adverb: »Ich habe es geschafft!«, sagte er freudig. Das freudig ist sinnlos. Wenn du Freude ausdrücken möchtest, kannst du drei Sätze dafür aufwenden.


Und wie ist das jetzt mit den Anführungszeichen?

Zur Syntax:

  • In journalistischen Texten und in Sachbüchern werden diese „ “ Anführungszeichen verwendet. Also Gänsefüßchen immer zuerst unten, dann oben.

  • Anführungszeichen oben im Satz vorne und hinten “ “ werden nur im Englischen gesetzt.

  • In Romanen werden diese » « französischen Anführungszeichen verwendet. (Manchmal auch umgekehrt « », wir empfehlen aber die erste Variante mit den Spitzen nach innen, zum Text gerichtet.)

  • Nach einer direkten Rede kommt ein Beistrich (Für unsere Freunde in Deutschland: ein Komma), auch wenn der Satz mit einem Ruf- oder Fragezeichen endet. »Wie meinst du das?«, fragte sie. »Nein!«, rief er.

  • Wenn du einen Satz im Sprechen abrupt abrechen möchtest, verwende einen Gedankenstrich. »Ich wollte Sie nicht be–«

  • Wenn du eine Pause im Sprechen machen möchtest, verwende drei Punkte: »Lassen Sie mich kurz nachschauen … ah, da haben wir’s ja.«

  • Wenn du jemand anderen sprechen lassen willst, als die Person, die gerade am Wort ist, beginne eine neue Zeile.


Beispiel für einen künstlichen Dialog, der schwierig zu lesen ist, weil einer der beiden Charaktere einen Sprachfehler hat. Kann witzig sein, aber auch mühsam werden.


Sie: Was kochen wir denn zu Weihnachten?

Er: Den Karpfen, den er fich feit fünffig Jahren wünft, für den Opa, einen Fwiebelroftbraten für die Omfi, eine Ganf für deinen Bruder und Hühnerbruftftreifen für die Kinder.

Sie: Okay, dann kochst du. Und wenn du dir auch noch etwas für mich einfallen lässt, decke ich den Tisch.

Er: Wie grofzügig. Was hatteft du dir denn vorgeftellt?

Sie: Ich bin für falschen Hasen. In Wodkasauce.

Er: Haft du dafür auch ein Refept?

Sie: Das wird mir nach dem ersten Wodka einfallen.

Er: Ift das nicht ein biffel fpät?


Beispiel für einen Dialog in einem Roman:


»Der größte Fehler beim Schreiben ist, dass die Leute nicht nachdenken«, sagte Max. »Sie setzen sich hin und schreiben drauflos, ein Satz reiht sich an den nächsten, dabei wissen sie noch immer nicht genau, was sie sagen wollen. Erst beim Tippen formt sich ein Gedanke. Sie schauen sich den Text am Computer an, denken, hm, das trifft es nicht ganz und schreiben weiter. Eigentlich hatten sie einen Text über eine grüne Kuh im Sinn, die in Rom auf dem Hauptplatz steht, dummerweise haben sie nicht damit begonnen, sondern bei Cäsar. Sie erklären das alte Rom, Aufstieg und Niederlage, alles fein, aber zur grünen Kuh auf dem Hauptplatz in Rom kommen sie erst am Schluss. Wenn alle eingeschlafen sind.«

»Leute plappern beim Schreiben«, warf Christopher ein, »ist es das, was du meinst?«

»Sie verwechseln Schreiben mit Tippen. Mit Formulieren. In Worte kleiden. Aber dazu braucht man das, was in den Kleidern stecken soll. Den gedanklichen Körper. Den Inhalt. Die Geschichte. Schreiben beginnt viel früher, als man auf die Tastatur einschlägt. Im Kopf. Schreiben ist nichts andres als eine gigantische Denksportaufgabe. Du musst Millionen Dinge beachten, Millionen winzige Entscheidungen treffen, permanent, im Großen davor und dann bei jedem Satz.«

»Ich kenn das vom Dichten.«

Max kam in Fahrt. »Dichten ist nicht das Schreiben, vom dem ich rede. Lyrik ist Geschmackssache und nicht massentauglich. Mit einem Text wirst du nie alle Menschen erreichen, du wirst nie hundert von hundert Leuten begeistern. Die Kunst ist, mehr als zwei Leute zu begeistern, die vielleicht deine Eltern sind.« Max sah, wie Christopher kurz zuckte, er redete weiter. »Die Kunst ist, siebzig, achtzig oder vielleicht zweiundneunzig Leute von deinem Text zu überzeugen. Ich rede von guter Gebrauchsschreibe. Die Leute sollen sich auskennen, im Text zurechtfinden. Geschafft hast du es dann, wenn sie gedanklich in den Text hineinkriechen. Wenn sie vergessen, dass sie lesen. Wenn sie mitleben, direkt im Geschehen sind..«

»Schön hast du das gesagt.«


Anderes Beispiel für einen szenischen Dialog in einem Thriller, wo der Killer eine Kirche betritt:

»Hallo?«, sage ich in den leeren Raum.

Die Akustik ist berauschend. »Halloooo!«

Meine Stimme hat einen heiligen Nachhall. Ich gehe nach vorne, vielleicht ist er in der Sakristei und macht Wasser zu Wein. Genau in dem Moment geht links die Jugendstiltür auf, und ein hagerer Mann im Priestergewand kommt auf mich zu.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt er.

»Ich suche den Herrn Pfarrer «, sage ich.

»Sie haben ihn gefunden«, sagt er und nickt gütig. Er ist klein und auffallend dünn, hat einen grauen Haarkranz und wirkt wie ein Langstreckenläufer in Pension. Mein Glück, dass er so leicht ist; da habe ich später weniger Mühe, seinen Körper auf das Kreuz zu nageln. Für Sommer ist seine Haut einen Tick zu fahl. Man könnte meinen, er leide an einer Krankheit oder verberge einen tief schlummernden Kummer. Trotzdem hat er ein Lächeln für mich übrig.

»Herr Pfarrer, was soll ich sagen … ich … mein Leben hat keinen Sinn mehr.« Das habe ich wirklich sehr gut rübergebracht. Er schaut mich besorgt an, geht auf mich zu und legt mir die Hand auf die Schulter. Wüsste ich es nicht besser, müsste ich loslachen. Ich schlucke, als wäre ich bemüht, die Fassung zu bewahren. »Es ist … also … ich habe etwas getan, das so furchtbar …« Ich lasse den Satz einfach so im Raum stehen.


Das tun wir auch an dieser Stelle.

Den Satz einfach so im Raum stehen lassen:


»Mach’s gut«, sagte er und hob die Hand zum Abschied.



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