Der verdammte erste Satz


Wie beginnt man eine Geschichte? Wie zieht man die Leser in seinen Bann? Was ist das Wichtigste am ersten Satz? Die Antwort ist furchtbar einfach. Der erste Satz hat nur eine Aufgabe. Er muss dafür sorgen, dass der zweite gelesen wird.


Der erste Satz ist ein Lasso aus Worten.

Du schwingst es über dem Kopf, visierst an, zielst noch ein bisschen genauer und wirfst. Der Strick aus Worten eiert hinüber zum Leser, bleibt einen Moment über ihm in der Luft stehen – und legt sich um seinen Hals. Du hast ihn, deinen Leser, sie, deine Leserin.


Ja, so einfach kann es sein. Ist es aber nicht in der Praxis. Das Lasso eiert nicht an sein Ziel, sondern verreckt auf seinem Weg. Der Strick reißt, geht ins Leere oder wickelt sich um den nächsten Baum, der weder lesen kann noch will.


Dafür gibt es ein paar gute Gründe:

  • Du bist zu höflich. Du möchtest, dass deine Leser sich auskennen und willst ihnen gleich im ersten Satz möglichst die ganze Geschichte verraten.

  • Du bist zu ausufernd. Du beginnst mit einem Nebensatz und verhedderst dich in einem Schachtelsatz.

  • Du bist zu zaghaft. Du traust dich nicht an das Außergewöhnliche.

Damit verstößt du gegen die drei obersten Regeln für gute erste Sätze:

  • Sie machen neugierig.

  • Sie sind kurze Hauptsätze.

  • Sie überraschen.


»Jede Art von Schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige«, hat Oscar Wilde einmal gesagt. Das gilt besonders für den ersten Satz. Er kann witzig sein oder herzzerreißend, skurril oder unverfroren, brutal oder sanft, rührend oder grausam. Er darf die Leser bloß nicht kalt lassen.


Sie trägt nur einen Schuh. Warum? Ist sie auf der Flucht oder nur ein Messie?

Er kommt nicht, er erscheint. Ist er Gott oder bloß charismatisch?

Schauen wir Autoren auf die Feder. Wir haben für dich ein paar Vorschläge für gute erste Sätze zusammengetragen, an denen man kaum vorbeilesen kann.

  • Normalerweise sieht man sie nicht.

  • Eisblumen am Fenster, die Scheiben sind angeschlagen.

  • Der Schalldämpfer liegt in der Schublade.

  • Grün, das weiß man, ist die Hoffnung.

  • Er hat Leute erstochen, erschossen, erwürgt und vergiftet.

  • Die Menschen aus Tonga essen gerne, viel und vor allem sehr fett.

  • Die Frau kommt schon auf merkwürdige Gedanken, und sie sind selten jugendfrei.

  • Plötzlich bist du mitten im Geschehen.

  • Die Drogen haben sie fertiggemacht.

  • Er trinkt Tee.

  • Au revoir, sagte er, auf Wiedersehen.

  • Es ging Schlag auf Schlag.

  • Es begann mit einer Radlerhose.

  • Sie schluchzte in Zeitlupe.

  • Es war, als hätte man das Leben in Butterschmalz getaucht und als Brettljause serviert.

  • Am Morgen schleicht sich das Grauen an.

  • Endlich ist alles vorbei.

  • Rosa muss es sein, alles rosa.

  • Der weiße Rolls Royce parkte direkt vor dem Eingang, im Halteverbot.

  • Er steht auf dem Dach eines Parkhauses und starrt in die Tiefe.

  • Er sieht aus, als käme er per Anhalter direkt aus der Hölle.

  • Die Sache stinkt zum Himmel.

  • Der Mann im weißen Kittel kennt sich gut mit Rotweinen aus.

  • Manchmal begann sein Eiskasten zu sprechen.

  • Offensichtlich können manche Leute Gefühle umlegen wie einen Kippschalter.

  • Schummriges Rot.

  • Ein Moment, der lähmt.

  • Das Designer-Kleid hängt wie Lumpen an ihr herunter.

  • Schuld ist nur die Etikette.

  • Die Realität kippt.

  • Es muss etwas in diesem grünen Tee sein.

  • Die Sünde war immer erlaubt.

  • Es darf nicht jeder hinein.

  • Ehrgeiz ist der große Bruder der Verbissenheit.

  • Geisteskranke rufen bei ihr an.

  • »Was? Sie wollen Schauspielerin werden? Sie haben doch einen Blähhals.«

  • Wenn er an diesem Tag nicht aufgestanden wäre, hätte sein Leben einen anderen Lauf genommen.

  • Hundertfünfunddreißig Millionen Jahre lang war die Welt ganz in Ordnung.

  • Der Saal ist so verraucht, dass man den Mann am Sessel daneben für eine Frau halten könnte.

  • Könnte man einen Blick in sich hineinwerfen, sähe man verbrannte Erde.

  • Leise rieselt der Staub auf die Steuererklärung vom Vorjahr.

  • Man steht in der Boutique und denkt.

  • Er ist fünf Zentimeter kleiner als sie, und doch war es nicht leicht, aus seinem Schatten heraus zu treten.

  • In diese Augen wird sie nie hineinwachsen.

  • Es ist eine interessante Gegend für Selbstmörder.

  • Es war wirklich nicht ihr Tag.


Und zum Schluss noch ein Blick in die Bücher:

  • Ilsebill salzte nach. Der Butt, Günter Grass

  • Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Die Verwandlung, Franz Kafka

  • Es fiel Regen in jener Nacht, ein feiner, wispernder Regen. Tintenherz, Cornelia Funke

  • Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen. Blaue Wunder, Ildikó von Kürthys

  • Der Engel brannte. Krieg der Engel, Heike Hohlbein

  • Als ich elf war, habe ich mein Schwein geschlachtet und bin zu den Dirnen gegangen. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt

  • Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Der Fremde, Albert Camus

  • Jetzt ist schon wieder was passiert. Der Knochenmann, Wolf Haas

  • Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Der Untertan, Heinrich Mann

  • Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein. Winnetou I, Karl May

  • Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht. Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär. Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären, Walter Moers

  • Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am 4. Mai im Jahr des Pferdes. Der fliegende Berg, Christoph Ransmayr

  • Das Haus brannte lichterloh. Nur das Holz im Kamin war unberührt. Small world, Martin Suter

  • Am Tag vor seinem 43. Geburtstag kam in Hubert Rosebrock der Verdacht auf, daß er eine ausgesprochene Pfeife war. Rosebrock, Axel Marquardt

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