Der Genetiv und ich

Aktualisiert: 6. Juni 2019



Von der Liebesgeschichte des Wörtchens wegen mit dem zweiten Fall.

Gestatten: Wegen mein Name. Ja. Wegen.



Wenn ich im Duden über mich nachschlage, erfahre ich: Ich bin ein Verhältniswörtchen, eine Präposition. Genau gesagt, die Präposition, die ein ursächliches Verhältnis herstellt. Das bin ich.


Heute wende ich mich in eigener Sache an euch, wegen mir sozusagen. Und damit sind wir schon mitten im Thema. Denn es heißt nicht wegen mir, es heißt meinetwegen. Zweiter Fall, nicht dritter. So hört ihr es in der Schreibwerkstatt, so lehrt es das Textcoaching, so heißt es im Online-Schreibkurs.

So will es die Grammatik.


Anders gesagt: Obwohl ich fix mit dem Genetiv zusammen bin, verkuppelt man mich ständig mit dem Dativ.


Wegen dem regst du dich auf, höre ich jetzt den einen oder anderen von euch sagen.

Ja, deswegen reg ich mich auf. Und ich kann euch genau sagen, warum:

Der Genetiv und ich machen alles gemeinsam. Wo ich zutun habe, ist er mit dabei. Wir sind nicht bloß eine Arbeitsgemeinschaft, ein Team. Wenn man so lange zusammen ist, wie der Genetiv und ich, dann ist das Freundschaft. Ach, scheiß drauf, bei uns ist es Liebe.


Und auf einmal nimmt man mir meinen Genetiv weg und spannt mich mit dem Dativ zusammen. Ausgerechnet mit dem.

Naja, dachte ich anfangs, Rechtschreibreform, kennt sich eh keiner mehr aus. Ich nickte dem Dativ sogar zu, wenn er sich neben mich quetschte.

Ganz ehrlich, ich fürchte, das war ein Fehler. Ich war zu harmoniesüchtig. Statt gleich einmal Krawall zu schlagen, wartete ich ab. Bis die Menschen schließlich glaubten, es wäre mir egal, mit wem ich Schulter an Schulter in ihren Texten stehe. Aber so ist es nicht.

Es ist mir überhaupt nicht egal. Im Gegenteil. Ich leide, und bald, so befürchte ich, bricht mir das Herz.

Und nicht nur wegen des Trennungsschmerzes.


Die ganze Wahrheit ist: Ich kann ihn nicht mehr riechen, diesen Dativ. Mir platzt der Kragen, wenn er sich an mich presst in seiner widerlichen Distanzlosigkeit. Mir rieselt es kalt über meine fünf Buchstaben, wenn er sich neben mir breitmacht. Ich vermisse meinen Kumpel, den Genetiv, und möchte ihn zurückhaben.


Deswegen bitte ich euch:

  1. Reißt uns nicht auseinander.

  2. Denkt jedes Mal, wenn ihr mich verwendet, auch an ihn.

  3. Verscheucht den Dativ von meiner Seite.

  4. Gebt mir meinen Genetiv zurück.

  5. Wegen braucht den Genetiv.


Natürlich ist mir bewusst, dass wir nur noch auf Papier und in Worddokumenten ein Duo sind. In der gesprochenen Sprache gehen wir längst getrennte Wege.

Bitte, haben wir uns gedacht, soll sein, so ist das eben in der Umgangssprache. Regional reden die Leute, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, das heißt noch nicht, dass sie deshalb auf uns hinpecken. Da kränkt man sich nicht wegen jedem Fehler.

Obwohl es mich auch dort immer noch reißt, das muss ich schon zugeben. Ihr wisst ja nicht, was der Dativ für eine miese Kreatur ist. Kaum hat ihn jemand wieder neben mir abgestellt, rempelt er mich. Er stößt mich, sticht mich, zwickt mich. Einmal hat er mich sogar in mein »g« gebissen.


Trotzdem dulde ich ihn, wenn sich Menschen zwanglos unterhalten. Selbst in Dialogen in Büchern. Stehe ich zwischen Anführungszeichen, verzichte ich großzügig auf meinen Genetiv. Leicht ist es mir nicht gefallen. Aber ich habe mir das genau angeschaut. Dialoge, in denen ich mit dem zweiten Fall vorkomme, klingen ziemlich zugeknöpft.

So redet kein Mensch, habe ich dem Genetiv erklärt, der natürlich erst recht geknickt war, weil ja er derjenige ist, der von der Bildfläche verschwunden ist. Auch wenn man mich noch so falsch verwendet, ich steh immerhin noch da.


»Du hast ihn noch, unseren fixen Platz«, sagte der Genetiv unlängst zu mir. »An mich wird sich bald keiner mehr erinnern.«

»Du musst das anders sehen«, sagte ich zu ihm.

»Wie anders?«

»Ich schlage den Menschen einen Tausch vor: Sie kriegen den gesprochenen Dativ, dafür schreiben sie uns wieder nebeneinander.«

»Du glaubst, das funktioniert?«, fragte er mit viel Hoffnung im Blick.


Die Frage gebe ich jetzt an euch weiter: Sagt ihr es ihm.


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